

Finger tänzeln taktvoll auf Basssaiten, ein verheißungsvolles Stampfen, dazu Ami Warnings geruhsam-sonore, unverwechselbar warme Stimme: »Wir kommen spontan, ham’ uns nicht geschrieben«.
Die erste Zeile des neuen Albums der Münchnerin steht bildhaft für ihren schwerelos anmutenden, minimalistischen Soul; ihre Sensibilität, ihren mobilisierenden, sonnendurchstrahlten Flow; ihre grundpositive, mutige DIY- und Macherinnen-Attitüde.
»Wellen« atmet Freiheitsgefühl, Cozyness und Bedächtigkeit. In dreizehn Akten beschreibt es eine nachspürbare Sehnsucht nach dem perfekten Moment. Die LP handelt vom Kreislauf des Lebens, vom Kindsein und Altwerden, von Prägung und Kontinuitäten. Auch von tiefen zwischenmenschlichen Verbindungen und dem Nachhause-Kommen; von Türen, die auf- und Türen, die zugehen – von »Wellen«, die kommen und gehen, die es zu parieren und umarmen gilt, auch wenn sie einen zu überwältigen drohen.
»Wellen« ist in seiner Gesamtheit nicht ohne die maximal extremen Monate in Ami Warnings Leben zu verstehen, in der ein Großteil der Album-Songs entstanden ist. Anfang 2025 ist sie erstmals schwanger geworden; noch im Sommer stand sie mit ihrem Vater – dem Sänger, Songschreiber und Multi-Instrumentalisten Wally Warning – auf Bühnen. Wenige Tage nach ihrer letzten gemeinsamen Show und gerade als Amis Bauch dicker und dicker wurde, erschütterte dann eine schwere Krebst-Diagnose das Leben ihres Vaters. Wally Warning starb am 19. September 2025 und verpasste seine Enkeltochter um knappe zwei Monate: »im echten Leben scheint es oft kein happy End zu geben«.
So liegen gelöster Enthusiasmus und bedächtige Wehmut, „Bilderbuch-Wetter“ und „Krankenhausbetten“ auf »Wellen« nah beieinander. Zwischen sinnlichen Gitarren-Chords und sanften Chören versprüht das Album eine Melancholie, die sich federleicht und warm anfühlt, in ihrer Stoßrichtung aber durchaus variiert.
Ebenso nachvollziehbar erscheint der thematische Überbau der Platte: eine intensive Auseinandersetzung mit aufblühendem und verwelkendem Leben, mit seelischer Heimat, mit inneren Werten – und mit dem Moment, in dem das eigene Kind, während man selbst noch den Geschmack vom Omas Apfelkuchen im Mund hat, plötzlich zu Laufen beginnt.
»Wellen« spiegelt in Sound, Texten und Entstehungsgeschichte die von Lebensfreude, Spontanität, Angstbefreitheit, Reiselust, Großherzigkeit, Zuversicht und Improvisation geprägte Mentalität, die Amis Eltern auf Ami übertragen haben. Das erste Konzert ihres Vaters Wally hat Ami noch im Bauch ihrer Mutter erlebt. Die Attitüde ihres Elternhauses gibt Ami nun an die nächste Generation weiter: Als sie den Song »Flugmodus« in einem Münchener Studio aufnahm, hatte sie – da noch im Wochenbett – ihre Tochter im Schlepptau. Sollte diese eines Tages Gefallen am Musikmachen finden, wird Ami ihr unter die Arme greifen, genauso wie es einst ihr Vater tat.
Amis herzgesteuert-organische, durch und durch anti-mathematische Art, Musik zu machen, sowie melodische Arrangements mit Pop-, Reggae-, Indie- und Latin-Flavour hat sie in all den Jahren nicht abgelegt. Wie immer hat sie fast alle Songs auf »Wellen« zuhause an der Gitarre selbst komponiert.
Das Album erscheint in kompletter Eigenregie, zehrt jedoch von Amis kreativem Netzwerk, das sich in den letzten Jahren spürbar vergrößert hat. Für den »Wellen«-Prozess hat sie die Produzent*innen Bruckner, Novaa, Markus Sebastian Harbauer, Simon Frontzek und Rudi Maier involviert. Außerdem enthält die Platte – an zwei zentralen Stellen in der Tracklist – Features mit jolle und Carlo5. Die beiden wohl tiefsten, bedeutsamsten und auch finalen Songs der LP bestreitet Ami allerdings alleine.
Im matten, zuweilen erschütternden Titeltrack »Wellen« beschreibt sie Momente des Abschieds von ihrem Vater. Dann schließt sich im umarmenden letzten Stück »Heim kommen« der letzte Kreis – spätestens mit der letzten Zeile: »Alles gut, auch, wenn wir uns verändert ham’«.
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